neo bei der SDL Trados Roadshow

Am 18. Mai, eine Woche nach der Schema Conference 2017, fanden sich wieder Vertreter_innen der neo bei einem branchenrelevanten Event ein, diesmal bei der SDL Trados Roadshow in Zürich. Was gibt es Neues zu entdecken? Und gibt es Neues zu entdecken?  

Bestehend aus Impulsvorträgen und nachmittäglichen Produktschulungen ist die SDL Trados Roadshow eine altbekannte und gern besuchte Veranstaltung. Das Leitmotiv in dieser Runde war eindeutig die Beziehung zwischen Mensch und Technologie (im konkreten Fall: zwischen Übersetzer_in und maschineller Übersetzung (MT)).

Der O-Ton der Veranstaltung: Es handle sich hier klar um ein non-zero-sum game, eine Win-Win-Situation für alle involvierten Parteien – die Technologie bietet Unterstützung und Hilfe, ist Mittel zur Steigerung der Produktivität und Qualität, der Übersetzer bleibt nach wie vor die letzte Bewertungs- und Entscheidungsinstanz. Betrachten wir aus dieser Perspektive einige Funktionalitäten, die mit der Einführung von Studio 2017 im letzten Jahr verfügbar geworden sind.  

upLIFT (fragment matching)  

upLIFT stellt eine Möglichkeit zur Verbesserung der Translation Memories dar und soll bei fehlendem full match die Suche nach Satzfragmenten erleichtern. Bislang standen dem Übersetzer in Studio nur die teils ermüdende Konkordanzsuche oder die Verwendung von AutoSuggest-Wörterbüchern auf Basis eines TMs zur Verfügung.

Es folgt eine lange Liste der Nachteile dieser Recherchequellen: keine Markierung des gesuchten Wortes im Zielsegment, statisch und pflegeintensiv, fehlender Kontext sowie eine hohe Anzahl erforderlicher Übersetzungseinheiten.

upLIFT hingegen, basierend auf einem fine alignment – einem detailgenauen, algorithmischen Abgleich von AT und ZT selbst bei abweichender Satzstellung – ist dynamisch und kann selbst während der Übersetzung durch Vergabe des ‚Übersetzt‘-Status aktualisiert werden. Im AT vorhandene Satzfragmente werden bei Segmentwechsel sogleich mit dem TM-Bestand abgeglichen; das Ergebnis ist ein Fragmentkatalog, aus dem der Übersetzer, falls vorhanden, eine passende und farblich markierte ZT-Entsprechung auswählen kann. Über AutoSuggest können diese Fragmente schnell in die Übersetzung eingefügt werden.

Einher geht das fragment match, das ab Version 2017 als selbstständige Kategorie im Analysebericht geführt wird, mit der sog. fuzzy match-Optimierung (fuzzy match repair), bei der ein fuzzy match auf seine Satzfragmente hin untersucht und fehlende bzw. überflüssige Satzfragmente automatisch hinzugefügt und/oder gelöscht werden. Optimal ist, dass diese Änderungen in der TM-Ansicht grafisch vom bestehenden fuzzy match abgehoben werden, denn die fuzzy match repair – signalisiert durch ein Schraubenschlüssel-Icon – ist noch weit von Perfektion entfernt: Eine passende Deklination ist nicht immer gegeben, Unterschiede in Groß-/Kleinschreibung werden nicht erkannt und auch die Interpunktion wird teils nicht automatisch angepasst. In der näheren Zukunft wird hier der Algorithmus noch nicht das letzte Wort haben.  

AdaptiveMT (Machine Translation)  

Mit Studio 2017 kann jeder Benutzer eine AdaptiveMT-Engine anlegen, eine MT mit Selbstlernfunktion, die sich endlos wiederholende Korrekturschleifen und langwieriges Trainieren der MT Engine mit teilweise nicht eintreffender Ergebnisoptimierung abschaffen soll. Zusätzlich zum MT-Speicher in der Cloud (SDL Language Cloud Machine Translation) wird dem Übersetzer so ein persönliches Online-TM zur Verfügung gestellt, das durch Vergabe des ‚Übersetzt‘-Status einen automatischen Lerneffekt erzielt (bitte Ausschau halten nach dem Glühbirnen-Icon!).

Einschränkungen gibt es hier in den verfügbaren Ausgangssprachen (aktuell nur Englisch, Französisch und Italienisch), allerdings werden von dieser Engine u. U. auch Kontextunterschiede erkannt (Beispiel: „prevent“ —> „eindämmen“ vs. „verhindern“).

 

SDL Trados GroupShare 2017  

Seit Februar 2017 steht die verbesserte Online-Plattform mit webbasiertem Zugriff und neuen Funktionen für das Projektmanagement zur Verfügung. Es muss jedoch eingestanden werden, dass die Neuerungen nicht markrevolutionierend sind und in ähnlicher Art und Weise schon von anderen Anbietern umgesetzt wurden. Ebenso sind (natürlich) nicht alle Funktionalitäten von Trados Studio 2017 in der Browser-Version gegeben (z. B. bei Änderungen im Datenbestand eines bereits laufenden Projektes).

Dennoch mag es für manche Projektmanager interessant zu wissen sein, dass nun die Projekterstellung im GroupShare Web-UI über eine API ermöglicht wurde und auch die Aufgabenzuweisung innerhalb eines vierteiligen Workflows in GroupShare erfolgen kann. Hinsichtlich immer knapperer Termine und weltweiter Verteilung der Sprachressourcen in verschiedenen Zeitzonen ist ein solcher quasi-automatischer Projektablauf ohne erforderlichen Eingriff des Projektmanagers unter Umständen sehr hilfreich.

Bei Zuweisung der ersten Workflow-Phase bzw. nach Abschluss der vorhergehenden Phase erhält die eingetragene Ressource eine automatische E-Mail-Benachrichtigung mit Download-Link und dynamischen Zugriff auf die Ressourcen (TM, Terminologie und Projekte), der mit Projektabschluss endet.  

Möglich ist ein punktuelles Auschecken der Dateien, die Datenbanken verbleiben jedoch physisch auf dem GroupShare Server; in beiden Fällen sind die Datenbanken durch Echtzeit-Aktualisierung auf dem neuesten Stand. Vorteilhaft ist ebenso die automatische Versionierung auf dem GroupShare-Server, mit der die verschiedenen Arbeitsstände zu jedem Zeitpunkt nachvollzogen werden können. Über REST APIs können bestimmte Arbeitsschritte individuell automatisiert werden, etwa Dateianalysen oder die Zieltexterstellung.  

Schade ist, dass der Workflow nicht wirklich vom Anwender konfiguriert werden kann. Dass es möglich ist, einen leistungsfähigen sowie anwendungsspezifischen und vom Benutzer visuell konfigurierbaren Workflow-Designer ohne zusätzliche Lizenzkosten in eine Standardsoftware zu integrieren, zeigen neben SDL selbst (im WorldServer) auch Marktbegleiter wie Across mit dem Across Language Server, führende Anbieter aus benachbarten Softwaresparten, wie die SCHEMA-Gruppe mit dem für die Version 2018 angekündigten neuen ST4 Workflow Designer, und natürlich Big Shots wie Microsoft mit SharePoint Workflows.  

Mit dem SR 1 für GroupShare können Projekte zusätzlich im Online Editor direkt über die Website bearbeitet werden – gegebenenfalls hilfreich, falls der Zugriff auf die lokale Installation zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht möglich ist. Im Ausnahmefall kann hier über die Erstellung von Projekt-TMs in die Offline-Arbeit gewechselt werden. Allerdings ist im Online Editor nur die Einbindung von TMs, jedoch nicht der Terminologie über Multiterm möglich.

Die üblichen Verdächtigen  

Hier zeigt sich leider, dass Multiterm und Terminologie zwar immer wieder zentrales Thema von Vorträgen und Präsentationen sind, in der Entwicklung neuer Funktionalitäten aber leider nach wie vor vernachlässigt werden – ein Punkt, der auch bei der Roadshow in Zürich stark kritisiert wurde.

Warum, z. B., können Hitlisten-Einstellungen für die Anzeige der Terminologie (z. B. Pflicht-Anzeige bestimmter Attribute) nicht im Paket integriert an den Übersetzer übermittelt werden? Warum kann die vorhandene Terminologie-Datenbank nicht in Vorübersetzung und Analyse berücksichtigt werden?  

Ein weiterer Kritikpunkt (und leidliches Thema auch bei der neo) ist die Alignment-Funktion, die auch in Version 2017 in unveränderter und altbekannter Funktionalität und Modalität vorhanden ist; hier wird WinAlign erst einmal noch das Programm der Wahl bleiben.  

Zum krönenden Abschluss  

Kleine Freuden gibt es dennoch (und man soll sich ja der kleinen Dinge im Leben erfreuen): Seit Version 2017 ist das Zusammenführen von Segmenten über das Absatzende (sinnvollerweise beschränkt auf maximal 5 Segmente) sowie das Bearbeiten des Ausgangstextes in allen Formaten möglich. Auch hilfreich: die Schnellvorschau einer Datei in den Filetype-Settings, mit der Änderungen blitzschnell überprüft werden können.  

Im Blick auf die vorgestellten Funktionen lässt sich das Fazit ziehen, dass es sich hier wohl um ein zero-sum game handelt – Positives und Negatives wiegen sich gegeneinander auf, es bleiben zahlreiche Wünsche von Übersetzer_innen, Dienstleistern und Industriekunden, und viel Spielraum für weitere Verbesserungen.  

Für eine Betrachtung von IST- und SOLL-Zustand sind wir gerne wieder für Sie auf der nächsten Roadshow vertreten!

laura.beverungen[at]neo-comm.ch

 

Quelle Fotos: SDL Trados