neo besucht eine Übersetzerkonferenz

Am 30 September wird der sog. Hieronymustag gefeiert– der internationale Übersetzertag. Wir haben diesem Thema bereits einen Beitrag gewidmet.

Anlässlich dieses Feiertags wurde am selben Tag in Warschau eine Übersetzerkonferenz (Konferencja tłumaczy 2017) veranstaltet. Dahinter steht das gleiche Team, wie im Falle von The Translation and Localization Conference 2017, wo wir auch im März 2017 dabei waren und darüber geschrieben haben. Wo TLC an die internationale Zielgruppe orientiert war, stand diesmal der polnische Markt im Mittelpunkt. Es wurde unter dem Motto "Boom in der Übersetzungs-Branche" gefeiert.

Nach einer kurzen Einführung wurden verschiedene Seminare und Vorlesungen angeboten. Eine der ersten Vorlesungen betraf die technischen Übersetzungen für Humanisten. Viele Übersetzer, die in Polen eine professionelle translatorische Ausbildung in dieser Richtung haben, hatten während des Studiums vor allem Berührungspunkte mit literarischen oder Marketingübersetzungen. Auch wenn sie jedoch keine ausgebildeten Ingenieure sind, können sie dank einer sehr guten Allgemeinbildung und zusätzlichen spezifischen Kursen technische Texte gut übersetzen.  

Der Redner, ein Naturwissenschaftler und Übersetzer hatte verschiedene Beispiele für die möglichen Fallen und falsche Freunde gegeben. Welchen Unterschied gibt es zwischen den englischen „particle“ und „molecule“? Im Polnischen sind diese zwei Begriffe "cząstka" und "cząsteczka" leicht zu verwechseln. Der Unterschied ist aber gravierend. Ist „natural gas“ tatsächlich nur ein „natürliches Gas“, oder doch ein „Erdgas“? Es wurde ebenfalls auch eine Unterscheidung zwischen den physischen und chemischen Prozessen gemacht. Ein sehr interessanter Vortrag, der zumindest für die Thematik der technischen Übersetzung sensibilisiert und gezeigt hat, wo die polnischen Übersetzer, die diese Textarten in ihrer Muttersprache wiedergeben, besonders vorsichtig sein sollten. Wichtig ist, sie können analytisch denken, haben ein Auge für Details und wissen, wo sie recherchieren können.

Während des Vortrags wurde jedoch nicht klar präzisiert, wie man ein technischer Übersetzer in Polen werden kann. Selten wird in Polen eine Hauptstudienrichtung an der Universität, die lediglich technische Übersetzer ausbildet, angeboten. Die Übersetzer, die sich aber in dieser Richtung entwickeln möchten, haben die Möglichkeit ihr Wissen an verschiedenen Ausbildungskursen, die an den Universitäten oder von Übersetzerverbänden organisiert werden, zu entwickeln. Genauere Informationen dazu hätten aber gerne während des Vortrags gehört.  

Danach wurde eine Podiumsdiskussion zwischen den Vertretern verschiedener polnischen Übersetzerverbänden angeboten.  

Eingeladen wurden u.a. Stowarzyszenie Tłumaczy Polskich (Association of Polish Translators and Interpreters), Tepis. Polskie Towarzystwo Tłumaczy Przysięgłych i Specjalistycznych (The Polish Society of Sworn and Specialized Translators TEPIS) und Polskie Stowarzyszenie Tłumaczy Konferencyjnych (Polish Association of Conference Interpreters).  

Das Thema der Diskussion: wie kann ein Übersetzer den Markt beeinflussen?

Nach viel Eigenwerbung für den eigenen Verband, haben alle TeilnehmerInnen auf dem Podium einstimmig den Bedarf gemeinsam zu wirken, bekräftigt. Es wurde auch viel über die sinkenden Preisen gesprochen und wie man sich gegen unfaire Ausschreibungen wehren könnte. Einerseits im eigenen Umfeld – in dem man Marktpreise nicht unterbietet, andererseits weitergefasst, nämlich, auch in einem Übersetzerverband aktiv zu sein und Informationen auszutauschen.  

Das dritte Seminar betraf die potenziellen Schwierigkeiten sowie Krisen, die ein Übersetzer erwarten und wie er diese bewältigen kann.  

Die Rednerin, eine Konferenzübersetzerin, hat zwei Beispielsituationen aus eigener Erfahrung gegeben: im ersten Fall hatte sie den Umfang der Bestellung und folglich auch deren Bearbeitungszeit falsch eingeschätzt. Im zweiten Falle wurde ihr beim Simultandolmetschen ein inkompetenter und unvorbereiteter Partner in der Kabine zugeteilt. Es wurde diskutiert, wie man diese schwierigen Situationen professionell lösen kann.

Eine Anregung:  

Auch in dieser Branche kann man das sog. Prinzip 8P, das ursprünglich im PR Bereich durch Adam Łaszyc als Prinzip 5P anhand der Arbeiten der amerikanischen Wissenschaftler M. Regester und J. Larkin "Risk Issues and Crisis Management" erarbeitet wurde, einsetzen. Es sind Vorgehensweisen, wie man Krisen bewältigen kann. Man bietet folgende Schritte an:

1.    Przeproś – entschuldige dich und äussere Empathie

2.    Przyznaj się do błędu – gib zu, dass es tatsächlich zu einem Fehler gekommen ist, sei aber professionell und je nach Möglichkeit, erkläre warum

3.    Przygotuj się – bereite dich vor – meistens könnte man die Krisen schon vorhersehen und entsprechend dagegen wirken

4.    Popraw się – verbessere dich, damit solcher Fehler nicht mehr in der Zukunft vorkommt

5.    Powetuj – wetze die Schade aus (vielleicht ein kleiner Rabatt? eine Grusskarte zu Weihnachten?)  

Dann folgen noch 3 weitere Schritte:

6.    Przeciwdziałaj – wirke dagegen

7.    Proaktywnie – sei proaktiv

8.    Prosecco – sollten alle früheren Schritte bereits eingesetzt werden und das Ergebnis immer noch unbefriedigend ist, gibt es manchmal keine andere Lösung als sich zu entspannen und einen Distanz zur ganzen Situation zu gewinnen.

Auch wenn fast alle diese Schritte mir bereits bekannt waren, war es wichtig, diese erneut klar und strukturiert zu äussern.  

Innerhalb des ganzen Tages wurde viel über den Bedarf gesprochen, damit die Übersetzer gemeinsam wirken, um die Branche zu entwickeln - es gibt zwar in Polen viele ausgebildete Übersetzer, jedoch kann praktisch jeder, der eine Fremdsprache spricht, erfolgreich oder auch nicht übersetzen. In dieser Situation, um hohe Leistungsstandards zu garantieren, sollten sich die Übersetzer zusammentun, über ihre Bedürfnisse und Praktiken sprechen und gemeinsame Ziele setzen.  

Das ist auch das Ziel des Programms „Profesjonalny Tłumacz – Świadomy Klient“ (Professioneller Übersetzer – Bewusster Kunde). Es ist eine Informations-Kampagne, die Best Practice promoviert. Ziel ist gemeinsame Standards zu setzen. Sie werden in der Zusammenarbeit mit den Übersetzern und für sie durchgeführt. Jeder ist an die Teilnahme eingeladen. Ziel ist die Übersetzer darauf zu sensibilisieren, dass sie auch professionelle Dienstleister sind und sein sollten. Gleichzeitig werden auch die Kunden informiert, welche Leistungen sie erwarten können. Dies lässt sich leicht am Beispiel eines Konferenzübersetzers visualisieren - ein guter Übersetzer wird immer einen Kabinenpartner einfordern - es ist ihm bewusst, dass nach etwa 30 Minuten die Konzentration und dadurch die Qualität der Übersetzung sinken kann. Der Kunde weiss man das aber vielleicht nicht, und kann über die Kosten und Aufwände überrascht sein. Ziel ist es dem Kunden die beste Qualität anzubieten und ihm auch zu zeigen, für welche Leistungen er bezahlt.

Nach der Mittagspause habe ich mit neuer Energie im Seminar „Übersetzer als gesellschaftliches Wesen“ teilgenommen. Während des Workshops wurden verschiedene Arten der Übersetzerstätigkeit besprochen. Von der Tätigkeit, die man alleine ausführt, bis zu einem Gründerzentrum (inkubator przedsiębiorczości), das einen Übersetzer u.a. mit den amtlichen Formalitäten unterstützen kann. Es wurden Vorteile und Nachteile jeder Form in den Gruppen präzisiert und danach im Plenum dargestellt. Später hat jeder einen Persönlichkeitstest gemacht, um festzustellen, welche Form am besten zu ihr/ihm passt. Die Auswertung ergab, dass die Variante mit Gründerzentrum und Austauschplattform (spółdzielnia socjalna) der Persönlichkeit der meisten TeilnehmerInnen entsprach. Fast alle im Saal fanden diese Arten der Tätigkeit als für sich optimalste Lösung. Das Ergebnis ist umso überraschender, da laut der Erfahrung, viele ÜbersetzerInnen alleine freiberuflich arbeiten. War das vielleicht ein Wunschdenken?  

Danach wurde auch ein interessanter Vortrag zur Datensicherheit gehalten. Der Sprecher, ein IT Profi, hat in allgemein verständlicher Sprache die grössten Gefahren der Maleware, Viren und Trojaner dargestellt. Fazit: auch wenn es manchen umständlich scheinen mag, ist es gerade für freiberufliche ÜbersetzerInnen wichtig die Daten regelmässig zu sichern und so vor Verlust zu schützen.  

Nach einer weiteren Kaffeepause folgte ein Vortrag auf den alle Teilnehmer mit grosser Freude gewartet haben. Der bekannte polnische Linguist, Jerzy Bralczyk, hat über Werte gesprochen. Herr Bralczyk, ein Mitglied des Polnischen Sprachrats gehört zu den Personen, die laut vielen das schönste Polnisch sprechen. Er hat auf viele Feinheiten unserer Sprache hingewiesen. Zu Beginn wurde das Wort „Wert“- „wartość“ analysiert. Was trägt dazu bei, das wir „wertschätzen“, wartościowujemy? Warum „gefällt“ uns etwas und wie bewerten wir es positiv oder negativ? Wie ist die Geschichte des Wortes „Liebe“ – „miłość“? Die dargestellte Theorie führte die Etymologie zum Adjektiv "miły" > "nett"/"freundlich" zurück. Dieses Wort stammt aber auch von einer Partizipform von "mijać" > vorbeifahren/ -gehen. Man ist also neben der Person vorbeigefahren und es ist nichts Schlimmes passiert. Bei dieser Interpretation fehlt jedoch die emotionale Konnotation, die später eingeführt wurde. Jemand, der "miły" ist - bei ihm kann man ohne Aggression vorbei gehen…  

Für mich war ein richtiges Vergnügen Jerzy Bralczyk zu hören.  

Die Krönung des Tages war die Verleihung der Übersetzungspreise. In der Kategorie Literatur hat der bekannte Übersetzer Piotr W. Cholewa, der u.a. Terry Pratchett übersetzt hatte, gewonnen. Für ihren Beitrag in die Entwicklung der Branche in Polen wurde auch Stefanie Bogaerts vom erwähnten Projekt „Profesjonalny Tłumacz – Świadomy Klient“ (Professionaler Übersetzer – Bewusster Kunde) ausgezeichnet.  

Für einen guten Abschluss darf eine Abendveranstaltung mit anschliessenden Networking nicht fehlen. Diese hat in ungezwungener informeller Atmosphäre stattgefunden. Es wurden Erfahrungen, Ansichten und Visitenkarten ausgetauscht. neo hat den Wettbewerb für die höchste Anzahl neuer Kontakte (lese: Visitenkarten) gewonnen und neben dem Hauptpreis viele interessante Kontakte geknüpft.  

Es war sehr schön den internationalen Übersetzertag auf solche Art und Weise zu verbringen und wir freuen uns auf das nächste Jahr.  

karolina.kaczmarczyk[at]neo-comm.ch

Quelle Bilder: https://pl-pl.facebook.com/KonferencjaTlumaczy/